Fürstentum Berg

 

Fürst Hartwigs nächtliche Herrschaft erstreckt sich über ein weitläufiges Territorium entlang des Rheins, welches nahezu deckungsgleich mit der weltlichen Herrschaft der Grafen von Berg ist. Dies kommt nicht von ungefähr, lenkt doch der Fürst die Ambitionen und Geschicke der Herren von Berg bereits seit Generationen aus den Schatten heraus. Die Familie der Grafen von Berg steht unter dem persönlichen Einfluss und Schutz Fürst Hartwigs und so scheint es kaum verwunderlich, dass er in der gräflichen Residenz eine feste Zuflucht unterhält.

Fürst Hartwig ist seit je her Parteigänger Hardestadts und zählte zu den ersten, die dem Monarchen den Treueeid geleistet haben. Hartwig gilt als eiserner Verfechter des Weges der Könige und regiert seine Ländereien mittels einer Vielzahl von Vasallen. Die Prinzen, Ritter und Äbte schulden ihrem Fürsten als obersten Lehnsherrn, ganz in der Tradition des Weges der Könige, Gefolgschaft und Gehorsam. Der Loyalität seiner Vasallen versichert sich Fürst Hartwig auf vielfältige Art und Weise. Nicht selten durchquerte er in vergangenen Jahren mit seinem Tross seine Domäne um einige Zeit an den Höfen derer zu gastieren, die seiner besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Dort, wo der Fürst nicht selbst zugegen ist, versehen die Ritter seines eigenen Ordens ihren Dienst. Um die Vasallen in Sicherheit zu wiegen oder um sie einzuschüchtern, das sei dahin gestellt.

Gerüchte über die Umbrüche, die die erstarrte Gesellschaft unter der Herrschaft der Ahnen in ihren Grundfesten erschüttert, haben auch ihren Weg ins Bergische gefunden. Fürst Hartwig war seit je her niemand, der leichtfertig Machtansprüchen nachgibt oder seinem Volk übermäßige Freiheiten ließe und revolutionäres Gedankengut ist ein Kraut, das beim Stumpfe gepackt und ausgerottet gehört. Misstrauisch wie eine alte Schlange in ihrem Loch hat sich der alte Ventrue auf seine Burg zurück gezogen, statt wir zuvor mit seinem Gefolge von Domäne zu Domäne zu reisen um sich der Loyalität seiner Untertanen zu versichern.

Doch sollen die Prinzen innerhalb seines Lehens sich keineswegs unbeobachtet fühlen - die Ritter vom Alten Berg sind zahlreich in dieser Zeit und ihrem Fürsten unverbrüchlich durch Blut zu Treue und Gehorsam verpflichtet. Die Ritter vom Alten Berg rekrutieren sich fast ausschließlich aus den Reihen der Ventrue. Sie verstehen sich als die Elite der bergischen Ritterschaft und sind ihrem Großmeister, Fürst Hartwig, allesamt durch Blut verbunden. Der Stammsitz des Ordens ist der alte Grafensitz der Herren von Berg, die Burg Berge. Die Ritter vom Alten Berg herrschen nicht über eigene Lehen sondern dienen Fürst Hartwig als Leibgarde und Vollstrecker, aber auch als Botschafter und Diplomaten. Sie alle folgen dem Weg der Könige und die meisten von ihnen wandeln auf dem Pfad der Ritterlichkeit.

Die einen Ritter dienen ihrem Fürsten mit ihrer Gerissenheit und ihrem Wissen, niemand flüstert ein aufrührerisches Wort, ohne sich furchtsam nach den Spionen der Ritterschaft umzuschauen. Die anderen dienen dem Fürsten mit ihrem Schwert und gnadenlos setzen sie seine Befehle in den Domänen des bergischen Lehnsverbundes durch. Doch Furcht und unnachgiebige Herrschaft bieten fruchtbaren Boden für so manche Saat und auch im Bergischen kennt man Gerüchte von fernen Helden, die sich gegen ihre Herrscher auflehnen.

 

Domäne Siegburg

 

Die Geschichte der Stadt Siegburg selbst ist wechselhaft gewesen, doch Prinz Ehrenfried ist dereinst angetreten, die Verhältnisse zu ordnen und die Stadt dauerhaft dem Bergischen Lehensverbund unter Fürst Hartwig zuzuführen. Doch nicht allein ihre Geschichte, sondern auch ihre Lage und ihr relativer Wohlstand haben Siegburg eine vielfältige Bevölkerung von Kainiten beschert. Ehemals mit Köln verbundene Ventrue treiben ihren Handel und an ihrer Seite führen eine Handvoll Toreador das berühmte Töpferwerk zu immer neuen Blüten. Der sich weithin sichtbar über die Stadt erhebende Michaelsberg hingegen ist der Stammsitz einer mächtigen Brut von Nosferatu. Die unterschiedlichsten Interessen der Siegburger verlangen eher nach einem Diplomaten denn nach einem Kriegsherren und Prinz Ehrenbrief war stets bemüht, diese Rolle einzunehmen.

Kaum eine Fraktion Siegburger Kainiten, die von ihm nicht mit Ämtern oder Titeln bedacht wurde um einen brüchigen Frieden und zumindest einen Hauch von Loyalität zu erkaufen. Doch die Freigiebigkeit des Prinzen weckte Begehrlichkeiten und seine Politik des Ausgleiches von Interessen und der sanften Zurückhaltung werden von einigen als Schwäche gedeutet. Es rumorte also in Siegburg und Prinz Ehrenbrief zögerte wohl zu lange. Zu Beginn des Jahres 1288 verschwand der Ventrue spurlos – manche sagen, er sei geflohen vor dem Zorn seines Fürsten oder der schwer wiegenden Verpflichtungen. Andere flüstern, der Prinz sei seinen Verstrickungen zum Opfer gefallen. 

Doch eine Machtvakuum bleibt selten lange bestehen und so tat sich im März desselben Jahres ein aufstrebender junger Ventrue aus den Reihen der Siegburger Bürger hervor. Auf Prinz Gideon ruhten große Erwartungen, bestätigte der Ventrue doch nicht nur die Lehnstreue Siegburgs an den bergischen Fürsten Hartwig, sondern er säte auch den Keim eines Friedens oder doch zumindest reger geschäftlicher und diplomatischer Kontakte zwischen den beiden alten Feinden Berg und Köln. Und tatsächlich bedeutete die Herrschaft Gideons für seine Domäne viele Jahrzehnte des Aufschwungs und ein angenehmes Dasein für all jene, deren Wohlwollen und Unterstützung diese Herrschaft sicherten. 

Hierin zeigt sich wohl wieder die Schwäche der Händler und Diplomaten unter den Ventrue, würden die härter gesottenen bergischen Ritter und Tyrannen wohl einwerfen. Ein weiteres Mal war es mit Gideon wohl jenen, die in Siegburg zu Macht gekommen waren, gelungen, einen Prinzen einzusetzen, der in all zu vielen Belangen sich mit Nachgiebigkeit und Ämterschacherei ihrer Treue vergewissern musste. Mehr und mehr verstrickte sich Gideon in den Bündnissen und Verpflichtungen, in die er sich begeben hatte und es ist heute, im Jahr 1403 für viele Siegburger ersichtlich, dass der Prinz den Zenit seiner Macht bereits hinter sich gelassen hat. Doch was sind die Belange der Kainiten für die Welt der Menschen? Siegburg, das Siegburg der Sterblichen, wagt einen gefährlichen Schritt und droht damit, die nur noch instabilen Machtverhältnisse unter den Kainiten zum Einsturz zu bringen. 

 

Erzbistum Köln

 

Bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts noch herrschte der Ventrue Giselher als Fürst über die Stadt Köln und die angrenzenden, zumeist linksrheinischen Gebiete. Unter seiner Herrschaft begann der Aufstieg der Händler und Patrizier, deren Gier und Geltungssucht Giselher stets aufs Neue anzufachen verstand. Status und Wohlstand dienten dem Fürsten, der seinerseits zwar den Weg der Könige folgte, diesen aber auf dem Pfad des Händlers zu beschreiten suchte, als Schwert und als Schild im Angesicht seiner Feinde. Giselher, der dem ritterlichen Gepränge und Gehabe stets ab- und seinem Talersäckel zugeneigt war, suchte seinen Vorteil im regen Austausch und Handel mit den Höfen Frankreichs und Englands. Wenig verwunderlich also, dass die Ventrue zu Köln wenig Unterstützung zu erwarten hatten seitens ihrer kriegerischen Blutsbrüder aus der Gefolgschaft Hardestadts. Es ist müßig zu erwähnen, dass Fürst Giselher und Fürst Hartwig in leidenschaftlicher Fehde miteinander lagen, gibt es für einen Ventrue auf dem Weg der Könige doch kaum ein erstrebenswerteres Ziel, als einen ebenbürtigen oder gar überlegenen Gegner zu bezwingen.

Doch der Unterstützung hätte er dringend bedurft, denn Ungemach drohte dem Fürsten nicht nur von jenseits des Rheines. Im Juli des Jahres 1164 brachte der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Reliquien der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln. Mit ihnen kamen die Lasombra. Obwohl ihre Zahl zunächst gering war, bezogen sie, die dem Weg des Himmels folgten, schon bald Position gegen den Fürsten Giselher, indem sie die Macht über den Kölner Erzstuhl an sich rissen. Lange Zeit rangen nun Erzbischof und Patrizier um die Macht in Köln und während der Thron des Fürsten ein ums andere mal ins Wanken geriet, vermehrte sich die Macht der Lasombra ebenso wie ihre Brut.

Die Herrschaft Giselhers ist längst vorüber, der ehemalige Fürst ins Exil getrieben. Doch waren die Lasombra – eine einsame Enklave der Abkömmlinge Mailands – sich der Tatsache bewusst, dass kein Lasombra inmitten der deutschen Heimat der Ventrue eine Domäne vom Format Kölns würde sein eigen nennen dürfen, ohne den vereinten Hass jenes mächtigen Clans auf sich zu ziehen. Sie schmiedeten also ein Bündnis mit den Brujah Kölns – einem Clan, der unter dem Ventrue ebenfalls vergeblich um Anerkennung gerungen hatte - und man brachte eine gemeinsame Kandidatin auf den Thron. Richeza, genannt die regina poloniae, entstammt den Ezzonen, dem vormaligen Herrschergeschlecht mit Sitz auf dem Siegberg. Leidenschaftlich dem Weg des Himmels folgend wird sie vielerorts wie eine Heilige verehrt. Flüsternd und voller Ehrfurcht spricht man davon, dass der Herr selbst seine Hand über sie hält und sie leitet. Als Galionsfigur des Wegs des Himmels einerseits und Abkömmling des Clans Brujah andererseits ist sie einendes Bindeglied zwischen den Magistern und den Brujah Kölns. Eine Königin ersetzt nun also den König auf dem unsichtbaren Schachbrett der Macht und die tatsächlichen Herren Kölns bleiben verborgen. Doch mit dem Baubeginn des neuen Doms zu Köln haben die Lasombra begonnen, ihrer heimlichen Herrschaft ein weithin sichtbares Denkmal zu setzen.

Über Jahrzehnte war es den Lasombra zu Köln gelungen, die Clans zu entzweien. Noch vor ein wenig mehr als einem Jahrhundert waren die Toreador bestenfalls Rangfiguren im Spiel der Macht, die Ventrue fast vollständig ihren Feinden erlegen und der starke Clan Brujah zu isoliert um die Gelegenheit zu ergreifen, die Herrschaft alleine an sich zu reißen und als die wahre Macht hinter dem Thron gediehen die Magister zu Köln. Doch ihre Marionette wurde sich ihrer Fäden gewahr: Richeza knüpfte eigene Bündnisse, schuf sich Verbündete und suchte, ihren Einfluss auszuweiten und zu festigen – auch wenn sie sich nie gänzlich von ihren Fäden löste. Zu tief verwurzelt im Glauben ist sie, die Heilige, als dass sie sich je gegen ihren Vertrauten und Beichtvater gewandt hätte. So blieb den Magistern stets das Ohr der Fürstin und ihren Zugang zur Macht haben sie trotz zahlreicher Rückschläge nie vollständig eingebüßt.

Wenn die Welt sich wandelt, dann ist die Weltstadt Köln eine der ersten, die den Wandel spürt und die Kölner sind nie gefügige Untertanen gewesen. Der Erzbischof ist längst entmachtet und taugt den nächtlichen Ränkeschmieden nicht mehr als Marionette. Eben erst haben die Kölner Bürger die großen Parizierfamilien entmachtet und organisieren sich in starken Bürgervereinigungen. Wenig verwunderlich, dass die Umstürze in der sterblichen Welt die Gesellschaft der Vampire nicht unberührt lassen, gar mit ihr verwoben sind. Köln ist im Umbruch und einfache Bürger organisieren sich und entmachten die alten Kräfte ...